Liebe Gemeinde

Heilige Nacht. Gott wird Mensch. Das Geheimnis der Liebe Gottes wird sichtbar. Das kleine, unscheinbare, am Rand der Gesellschaft stattfindende Geschehen ist einerseits die Zuwendung Gottes zu uns Menschen und wird dadurch andererseits die Öffnung zur ewigen Liebe Gottes hin. Es ist die Chance des Menschen. Dadurch ist es möglich, mit dem Ursprung und Ziel allen Seins persönlich in Kontakt zu kommen und Liebe zu gestalten.

Die Ewigkeit wird Zeit. In Jesus wird Gott durch Maria Mensch. Das Wort wird Fleisch. Diese Bewegung Gottes zeichnet seine Zuneigung zu uns Menschen nach. Es ist die Liebeserklärung Gottes an mich Mensch. Gott gibt mir so die Möglichkeit, mich zu ihm zu wenden. Die Umkehr aus der Egozentrik zur Liebe findet hier sein zeitloses Motiv und seine unübertroffene Vollendung. Der Stern berührt die Erde, damit der Mensch eine Orientierung für den Wert und die Würde des Lebens erhält. So kann ich sie ins Leben tragen.

Dies ist kein idyllisches Geschehen, eingehüllt in die Romantik jung Verliebter. Gott nimmt in der Krippe das Kreuz auf sich. Er sucht die Solidarität mit dem Geringen, Ausweglosen, Ausgegrenzten. Letztlich geht er aus Solidarität und Liebe in den Tod. Sieger Köder zeigt auf dem Titelbild dieses Geschehen unmissverständlich. Bethlehem wird zum Golgatha. Das Gebälk des Stalls sind die Kreuze auf dem Kalvarienberg und die Krippe ist als Kreuz „INRI“ gezeichnet. Gott wird Mensch in unserer von Gewalt, Ungerechtigkeit und Fanatismus geprägten Welt. Er kommt in die Geschichte der Menschen mitten hinein in das Elend, der von Machtpolitik gepeinigten Wehrlosen, in die Wirklichkeit von Not und
Elend, von Krankheit und Leid, von Ungerechtigkeit und Hass. Er gibt diesem Schicksal das Gesicht des kleinen unschuldigen Kindes, das lächelt und verzaubert, das Hoffnung schenkt und Unmögliches ermöglicht, das Kraft schenkt und Ziel, das Licht gibt und Sinn aufleuchten lässt und die Koordinaten der Welt verändert in die Perspektive der Ewigkeit hinein, die in ihrer Vollendung der Welt das letzte Gesicht, das Licht der Liebe und des Friedens, der Versöhnung und Barmherzigkeit zu geben vermag. Erst in dieser Perspektive bekommt die Welt und unser Leben seinen wirklichen Sinn, seine letzte Ausrichtung und sein wahres Gesicht. Alles Leid ist in dieser Liebe aufgehoben und in das himmlische Licht Gottes gehalten, endgültig beseitigt und geheilt. Er rettet uns, weil er, der Retter geboren, uns diesen Weg öffnet. Das ist die Heilige Nacht. Das Licht der Liebe Gottes lädt uns ein, selbst zum Licht zu werden und die Liebe zu leben, auch wenn es scheinbar in unserer Welt unmöglich geworden ist.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie die Erfahrung dieser unbegründeten und unbedingten Liebe. Ich wünsche uns Fantasie und Mut, in den kleinen Dingen unseres Lebens Zeichen dieser Liebe Gottes widerzuspiegeln und den Menschen zu schenken, die mit uns leben. Dabei werden wir immer mehr Mensch. Das ist eine Art der Nachfolge Jesu, die die Welt verändert in sein Reich des Lichtes und des Friedens. Dies möge uns allen zum Segen im Neuen Jahr 2005 werden. Herzlich Ihr

Pfarrer Bertram Tippelt

Und sie gebar ihren Sohn

Rosenheimer Altarbild v. Sieger Köder

Welch ein idyllisches Weihnachtsbild. Im Zentrum liebkost Maria, in leuchtend blauem Umhang, zärtlich ihr Kind, das in Windeln gewickelt ist. Voll Freude wendet dieses sich dem Betrachter zu. Hinter bzw. über Maria träumt selig Josef, ein Hirtenmädchen faltet andächtig die Hände zum Gebet. Im Hintergrund strahlt der Stern von Bethlehem. Die Idylle ist trügerisch - wie unsere heutige Weihnachtsromantik. Einige Hinweise darauf, dass bereits mit der Geburt des Gottessohnes sein Kreuzweg begann, hat Sieger Köder in seinem Weihnachtsbild untergebracht. Da wächst am unteren Rand aus der mit fünf Christrosen geschmückten »Wurzel Jesse« Israels König David heraus. Angetan mit königlichem Purpur, den Gebetsschal auf dem Haupt, hält er Ausschau nach jenem Spross aus seinem Geschlecht, dessen Königsthron Gott ewigen Bestand verheißen hatte. Er trägt die Krippe, in welche Jesus von Nazareth, der neugeborene König der Juden, gelegt wird. Sein Titel ist auf der Seitenwand dieser Krippe zu lesen; INRI - JESUS NAZARENUS REX JUDAEORUM - Jesus von Nazareth, König der Juden. Es ist die Aufschrift, die Pontius Pilatus am Kreuz befestigen lassen wird. Damit sind auch die fünf Christrosen nicht mehr nur weihnachtliche Dekoration, sondern weisen voraus auf die fünf Wundmale des Gekreuzigten. In den Balken, welche das Dach des Stalls von Bethlehem tragen, erkennen wir die drei Kreuze, die auf dem Hügel Golgota aufgerichtet werden. Die Krippe steht bereits im Schatten des Kreuzes. Der Mutter, die jetzt ihr Kind liebkost, wird der Leichnam ihres hingerichteten Sohnes in den Schoß gelegt werden. Hinter ihr träumt Josef nicht nur süße Träume. Sein unnatürlich verdrehter Kopf zeigt seine Hinwendung zu Gott an, der ihm offenbart, dass dieses Kind vom Heiligen Geist ist und den Namen »Jesus« tragen soll: Denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. Er lässt ihn im Traum aber auch wissen, dass man ihm nach dem Leben trachtet. Wie vor der Geburt Jesu kein Platz in der Herberge war für Maria und Josef, so ist Gott in Menschengestalt vom Anfang bis zum Ende seines irdischen Wirkens »utopisch« (so das griechische Wort in Lk 2,7, das übersetzt wird mit »kein Platz«) in dieser Welt. So sehr sich aber die politischen und religiösen Führer bemühen, ihn zu beseitigen: Er findet seinen Platz. Er findet ihn nicht bei den Reichen und Mächtigen, nicht bei den Besserwissern und Selbstgerechten, sondern bei denen, die er selig preist: den Armen, den Hungernden, den Weinenden, den Verfolgten. So dunkel es um sie herum und in ihnen sein mag: über und in ihnen strahlt der Stern der Verheißung, das Licht seiner göttlichen Gegenwart. Das göttliche Kind lädt uns mit ausgestrecktem Arm ein, zu ihm zu kommen und wie Maria seine Liebe zu erfahren. Es lädt uns ein, näher zu treten und wie das Hirtenmädchen anbetend niederzuknien - an der Krippe, unter dem Kreuz. Dort ist Gott verherrlicht und der Friede auf die Erde gekommen!

Bernhard Ehler
Regens, Augsburg




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