Liebe Gemeinde

PharisäerZöllner

Eine türkische Frau schiebt den Rollstuhl ihres behinderten Sohnes über den U-Bhf. Ein älterer Herr, der mit mir auf die gleiche Bahn wartet, schaut den beiden argwöhnisch hinterher und murmelt halblaut vor sich hin: „Jetzt bringen sie auch noch die Behinderten nach Deutschland!“ Ich spreche den Mann an und er lässt seinen ganzen Ärger heraus: Alle Ausländer seien Alkoholiker, Drogendealer und hätten noch nie einen Finger krumm gemacht, zocken den Sozialstaat ab und warten mit ihren Kindern darauf, dass wir Deutschen nun bald mal unser Land verlassen. Er hätte wenigstens durch seine Arbeit Beiträge in die Sozialversicherungen eingezahlt und etwas für die Gesellschaft geleistet im Gegensatz zu jenen.

Mir fehlen die Worte. Ich bin sprachlos. Denken wirklich viele Menschen so? Dabei ist es immer wieder die gleiche Geschichte. Die redliche harte Arbeit, das Mühen und Sorgen bauen unmerklich in uns Menschen einen indirekten Anspruch auf. Er dient zunehmend fraglos als Beurteilungsmaßstab. Während ich im Angesicht des anderen auf die eigenen Leistungen blicke, verurteile ich den anderen, ohne es zunächst zu merken, erbarmungslos.

Das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner erzählt diese Dynamik des Verurteilens. Das Titelbild von Horst Räke lässt es uns spüren.

Der ganze persönliche Einsatz des hoch geachteten Pharisäers gilt der Befreiung des Volkes Israels. In seiner Gesetzestreue ist er überzeugt von der Macht Gottes. Er dankt aus ganzem Herzen und weiß innerlich, dass durch die Reinheit jedes Einzelnen, das Volk Israel gerettet wird. Er als Pharisäer – als Ausgesonderter - muss diesem Reinheitsideal nachgehen.

Der Zöllner hingegen weiß: seine Schuld ist unbezahlbar groß. Sein Handeln hat ihn konkurrenzlos ins Abseits seines Volkes gestellt. Sein Dienst für die nicht anerkannte römische Besatzungsmacht und sein persönliches Streben nach Reichtum haben ihn in Schuld verstrickt und öffentlich abgestempelt. „Gott sei mir Sünder gnädig!“, so betet er.

Jesus nimmt das Schuldbekenntnis des Zöllners an. Er greift die innere Bitte um Erbarmen auf. Er versteht ihn. So gibt er ihm die Würde. Die Vergebungsbitte macht sie sichtbar. „Dieser geht als Gerechter nach Hause!“ Der Zöllner ist gerechtfertigt, geliebt, angenommen; der Pharisäer dagegen in seiner Selbstsicherheit entlarvt. Das Motiv der Reinheit macht ihn letztlich unrein.

Viele, täglich auf mich einstürzende Informationen machen die Welt, in der ich lebe, sehr komplex und undurchschaubar. Scheinbar gut begründet sind meine Urteile. So spüre ich beide Figuren in mir: den Pharisäer und den Zöllner.

Ich tue viel für eine menschlichere Welt und dennoch, wenn alle so lebten wie ich, wäre unsere Erde eine von den menschlichen Ansprüchen ausgeraubte leere Hülse voller Abfall und Müll längst erstickt und verbrannt vom maßlosen Energieverbrauch für den alltäglichen Lebenskomfort.

Ob es mir gelingt, den Blick auf die Folgen meines Handelns zu richten und die Augen des liebenden Gottes wahrzunehmen, Schuld zu erkennen und Versöhnung zu suchen?

Ob so ein Motiv in mir wächst, mein Leben zu wandeln?

Die katholische Kirche in Deutschland feierte den Missionssonntag. Inhaltlich ging es in diesem Jahr um den Christlich – Muslimischen Dialog, ein von Emotionen und Vorurteilen hoch belastetes Feld unseres Lebens. Ich spüre, viel ist zu tun, um verständnisvoll, mit Respekt und gegenseitiger Achtung, einander in den verschiedenen Lebenskulturen zu begegnen, miteinander zu leben und nachhaltig unsere Erde als Heimat für alle Menschen zu begreifen. So muss die Weltmission im eigenen Herzen beginnen, damit sie in unserem Land und weltweit wirksam werden kann. Dabei wünsche ich Ihnen und Ihrer ganzen Familie Gottes Segen.

Ihr Pfarrer Tippelt




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