Liebe Gemeinde

 

TurmmitKreuz

Mir froren die Finger meiner Hände, als wir am Samstag nach Aschermittwoch die originalgroße Kopie des Bilderkreuzes von Michael Posin – ein russischer Künstler, der in Neukölln lebt – an unseren Glockenturm anbrachten. Siebzehn Tafeln erzählen undogmatisch und schöpferisch vom Kreuz. Die Originale sind in der Kirche, im Gemeindezentrum, in der St. Marien-Grundschule und in unserer Kita unsere Wegbegleiter durch die vorösterliche Bußzeit.

Der un(Ge)sichtbare Gott, der in seinem Sohn für die Welt ein Gesicht bekam, ist wie ein Berg, aus dem das Leben wie Wasser fließt, dargestellt.

Links auf dem Kreuzbalken zeigen die Stadtmauern von Jerusalem und auf der anderen Seite der Regenbogen und die freiwerdende Erde den Alten Bund. Der militant gewordene Mensch, der in Jesus Gott am Kreuz hinrichtet, wird in den Neuen Bund geführt. Im Gesichtsausdruck des

Kreuzbild

Verbrechers zur linken Jesu wird das ganze Elend des lästernden, überheblichen Menschen dargestellt. Er merkt nicht, dass er am Kreuz hängt und sich selbst schon umgebracht hat. Der andere erkennt seine Schuld vor dem Gekreuzigten und beginnt so zu beten. Die ausgebreiteten Arme des leidenden Jesus wirken wie eine liebevolle Umarmung der unversöhnlichen Menschheit. Es kommt zum Tod. Die dunklen Tafeln am Fuß des Kreuzes zeigen die hoffnungslose Wirklichkeit des Todes. Die Konturen lassen vom Schmerz und von Verzweiflung zerfressene Gesichtsfetzen ahnen. Rechts darüber ist die Verzweiflung der Mutter, die ihren toten Sohn in den Händen hält, konkret. Daneben erhellt der Blick in die Auferstehung. Die Hand kann sie nicht greifen; der Kopf kann sie nicht verstehen; das Auge (schaut sicher in die andere Richtung) kann sie nicht sehen: die Wirklichkeit der Auferstehung. Ob bei der Verklärung, der Auferstehung Jesu oder der Himmelfahrt: Wir Menschen können unsere Zukunft nicht mit den Sinnen erfassen, aber die Seele ist außer sich. Sie spürt, was unsere Wahrnehmung übersteigt, die Liebe. Sie ist stärker als der Tod. Deshalb geht sie in den Tod. Jesus, der die Liebe ist, trägt das Kreuz für uns. Die Tafel neben dem Kreuz tragenden Jesus zeigt im Gesicht des Menschen die Verwirrung und Skepsis, die Zweifel und Fragen. Ob das alles etwas mit meinem konkreten Leben zu tun hat? Darüber der Verrat durch den Kuss des Judas, die Blindenheilung und der Zwölfjährige im Tempel, die Predigt Jesu. Der Engel und die dem Betrachter den Rücken kehrende Frau können sowohl die Verkündigung am Grab als auch die Verkündigung der Geburt darstellen. Geburt und Tod sind so dicht beieinander. Der Tod wird die Geburt in die Auferstehung.
Jede einzelne Tafel für sich bietet so die Möglichkeit, sein eigenes Leben im Horizont des Gekreuzigten zu betrachten. Ich wünsche Ihnen die Nähe Gottes. Möge die Fastenzeit Ihnen und Ihrer Familie eine Hilfe sein, näher zueinander, zu sich selbst und zu Gott zu finden. Dazu möge uns alle Sein Segen begleiten.

Ihr Pfarrer Bertram Tippelt




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