Liebe Gemeinde

Ein kurzer Halt im Kloster Alexanderdorf ließ meine Seele in eine Atmosphäre eintauchen, die aus der Nähe Gottes lebt. Schwester Johanna erzählte voller Begeisterung von der Wirkung der Liebe Jesu, von fragenden Kinderaugen und der Berührung der Seele. Das Alltägliche geschieht in der Benediktiner Abtei St. Gertrud im Horizont Gottes. Die Arbeit und das Leben vollziehen sich in seinem Angesicht, im Wissen: Er ist da, schaut liebevoll zu und ist in lebendiger Weise an der Gestaltung meines Denkens und Tuns beteiligt. Ein ständiger innerer Dialog mit dem Freund, der Freundin meines Lebens, ist wie eine motivierende Atmosphäre, die bisweilen ge­stalterische Fantasie entwickelt.

In der Liturgie des Tages erfährt diese sehr persönliche Beziehung seine äußere Objektivität in der klösterlichen Gemeinschaft. Der Psalmengesang des Stundengebetes wird zur Liebeserklärung und Deutung des Gegenwärtigen. Die uralten Texte bekommen in diesem Raum des Gebetes eine eigenartige Gegenwärtigkeit und Aktualität, die in ihrer Dichte und Genauigkeit bestechen. Ich fühle wie meine mitgebrachten Probleme und Sorgen wie auf einem Schiff in diesem Strom der Gottesbeziehung mitgenommen werden. Es bedarf nicht eines eigenen Antriebs, aber der inneren Offenheit und des Vertrauens getragen zu sein. Es ist für mich wie eine kurze Zeit vorweggenommener Urlaub. Vielleicht gelingt es, in der Ferienzeit eine solche Erfahrung der Nähe Gottes zuzulassen. Wie wäre es, wenn ich Gott die Chance gäbe, wie ein Same der Pusteblume in meine Seele einzuschweben und sich niederzusetzen? Wie schön wäre es, wenn diese kleine Fallschirmlandung Gottes bei mir eine Umgebung fände, in der Er niedergehen und sich einpflanzen könnte? Wenn dieser Same zur Blüte und zur Reife käme, um dann vom Windhauch des Atems wiederum getragen in den Herzen der Menschen, die ich liebe, zur Aussaat käme? Ob sich so der Geist der Liebe Gottes verbreiten kann?

Ich wünsche Ihnen Mut, diese heilsame Begegnung zu ermöglichen. Die Kirche nebenan, das Kreuz am Straßenrand oder das Glockengeläut laden ein, aus dem sich auferlegten Zeitplan auszusteigen und durchzuatmen in die Gegenwart Gottes hinein. Er wird einen Landeversuch machen, da bin ich mir sicher. Geben Sie Gott eine Chance, in Ihrem Herzen Urlaub zu machen. So werden Sie heilsam berührt.

Ich wünsche Ihnen und den Menschen, denen Sie verbunden sind, Tage in der Geborgenheit Gottes, ein Ausruhen in seiner Gegenwart und die Offenheit, Ihn einzulassen in Ihren ganz persönlichen Lebenshorizont. In diesem Sinne wünsche ich erholsame Sommer­tage.

Ihr Pfarrer Bertram Tippelt

Gespräch der Pusteblume mit ihrem Schöpfer

 

Den Duft der Rosen verbreite ich nicht, köstliche Früchte reifen nicht an mir, die Größe der Königskerze ist nicht mein Maß, die Farbenpracht der Lilie ist nicht meine Zier.

 

Nie wurde ich zum Brautstrauß geflochten, nie in einem Blumenladen begehrt. Keinen Dichter bracht ich zum Reimen, keinem Sänger entlockt ich ein Lied.

 

An Veredelung hat noch keiner gedacht, besonderer Schutz gilt mir nicht. Lästiges Unkraut werd’ ich genannt, von Gärtnern emsig vernichtet.

 

Dennoch schäme und verkrieche ich mich nicht, dennoch lasse ich mich nicht entmutigen, mir meine Lebensfreude nicht schmälern, den Lebensraum durch keinen Gartenzaun begrenzen.

 

Vielmehr wachse und blühe ich überall,

zahlreich und unübersehbar nach meiner Art, nein, Herr, nach Deiner Art, denn Du, mein Gott, hast mich so und nicht anders gewollt.

 

Erzählen will ich von Dir und von mir, denn was ich bin, ist Dein Geschenk: Mich kennt jedes Kind, Löwenzahn heiße ich.

Kinder taufen mich liebevoll Pusteblume, diesen Namen mag ich am liebsten.

Ich danke Dir, Herr, für meinen Namen.

 

Ich wachse auf Wiesen und an Straßenrändern, auf Müllplätzen und in Gärten, ich genieße die Sonne auf den Höhen der Berge und scheue nicht die Schatten der Täler. Jedes Stück Erde lädt mich ein zum Leben. Mein Platz ist da, wo ich wachse und blühe.

Ich danke Dir, Herr, dass ich überall Heimat finde.

 

Ich suche die Nähe der Pflanzen und Tiere, denn ich bin nicht gern allein. Mit Gräsern und Hahnenfuß, Klee und Vergissmeinnicht teile ich die Erde, den Himmel, das Wasser, die Luft. Es ist schön, mit anderen zusammen zu wachsen.

Ich danke Dir, Herr, für die Gemeinschaft der Pflanzen und Tiere.

 

Meine Blüte leuchtet wie die Sonne, und überall strahlt ihr Licht zurück. Wer genau hinsieht, entdeckt in mir die kleine Sonne voller Strahlen, Farbe und Wärme.

Ich danke Dir, Herr, für die Sonne.

 

Am Nektar meiner Blütenkörbe laben sich die Bienen und Schmetterlinge, Hummeln und Käfer. In meinen Blättern finden Kaninchen und Hühner, Kühe und Enten würzige Speise und stärkendes Mahl.

Ich danke Dir, Herr, dass ich anderen Nahrung sein kann.

 

Apotheker und Ärzte entdecken heilende Kräfte, und Tee aus meinen Wurzeln vertreibt den Husten und befreit vom lästigen Reiz. Zu den Heilpflanzen werde ich darum gezählt, das ist meine stille Freude, mein heimlicher Stolz.

Ich danke Dir, Herr, dass ich heilen kann.

 

Ausreißen lasse ich mich nicht leicht, denn meine Wurzeln sind stark und tief. Darin liegt das Geheimnis meiner Kraft. Standzuhalten vermag nur, wer tief verwurzelt ist.

Ich danke Dir, Herr, für den Grund der Erde.

 

In Blumensträußen bin ich selten zu finden. Zum Welken in der Vase bin ich nicht geboren. Ich liebe die Freiheit mit Wolken, Wind, Schmetterlingen und Kindern, Sonne und Regen.

Ich danke Dir, Herr, für das Leben in der Natur.

 

Ich bin nicht verliebt in das Bild meiner selbst, kann Abschied nehmen von Bienen und Schmetterlingen, loslassen von der goldenen Farbe. Bin bereit, mich zu ändern.

Ich danke Dir, Herr, dass ich mich ändern kann.

 

Wer blüht, verblüht und muss welken. Ich sträube mich nicht dagegen, nehme das Welken an und lass mich zu neuem Leben verwandeln.

Ich danke Dir, Herr, für das Alt- und Neuwerden.

 

Meine goldgelbe Blüte verliert ihren Schein, ich verschließe mich und warte still auf den Weckruf der Sonne, um mich als Pusteblume neu zu entfalten.

Ich danke Dir, Herr, dass ich warten kann.

 

Nun strecke ich mich dem Wind entgegen,

wachse Blumen und Gräsern über den Kopf. Der Wind ist mein rauer aber herzlicher Freund. Er bläst mir ins Gesicht und trägt meine winzigen Samenkörner wie kleine Fallschirmchen davon.

Ich danke Dir, Herr, für meinen Freund den Wind.

 

Jeder Fallschirm soll eine neue Pusteblume werden, an ihrem Platz,

nach ihrer Art. Ich halte keinen fest und springe keinem nach.

Ich danke Dir, Herr, dass ich loslassen kann.

 

Wer mich findet, darf mich pflücken, pusten und lachen, denn Du, Herr, hast mich zum Nutzen der Tiere und zur Freude der Kinder erschaffen.

Ich danke Dir, Herr, dass ich Freude schenken kann.

Helmut Herberg

(aus: Natur und Medizin 2/9)




Show details for Alle Dokumente in dieser RubrikAlle Dokumente in dieser Rubrik