Liebe Gemeinde,

gerade bin ich von der Religiösen Kinderwoche in Zinnowitz zurück. Noch bin ich ganz benommen. So viele Erlebnisse, Fragen, Begegnungen waren da jeden Tag. Und bei allem war Gott mitten drin, sichtbar, spürbar, verborgen, gegenwärtig in den Gesichtern der Kinder und Jugendlichen, im Engagement des Teams, in der wunderschönen Natur dieser so liebenswerten Insel. Der Wind und die See pusten so frisch in die Seele, dass aller Staub und alle Last wie weggeblasen sind. Die strahlende Sonne, die ziehenden Wolken, der duftende Kiefernwald sind Chiffren des unübertrefflichen Schöpfers, den es nur zu loben gilt. Das unendliche Meer berührt den Horizont. Die Sterne leuchten übervoll jede Nacht. Nur selten nehmen wir sie wahr.

Die Radierung meines Onkels Hubertus Blase kommt mir in die Hände und zeigt mir eine solch differenzierende Meditation. Die Gräser im Vordergrund wachsen üppig. Lebensprall drängeln sie sich in ihrer Verschiedenheit um den besten Platz an der Sonne. Die Erde bringt übervoll Leben hervor.

Eine Schnittlinie trennt unnatürlich in der oberen Hälfte des Bildes das Wachstum geradlinig ab. Der Blick in die Weite öffnet sich. Der Horizont wird erkennbar. Das Leben scheint unterbrochen und dem Blick in die Weite geopfert.

Dieser Schnitt ist eine Kompromissanzeige des Menschen. Hin und her gerissen zwischen der genauen Wahrnehmung des kleinen und unscheinbaren Wunders und des großen, weiten Blicks, der alles vor den Füßen Liegende außer Acht lässt, der bisweilen auch Schneisen schlägt, um die Sicht frei zu bekommen. Wir leben im Kiez und in einer sich globalisierenden Welt. Schnell kann ich die Differenzierungen des Lebens aus dem Blick verlieren, wenn ich der Ferne alles opfere. Ich beschneide meine Sensibilität und mache sie glatt für den großen Wurf, den weiten Blick bis zum nie erreichbaren Horizont. Dabei vergesse ich meine Wurzeln und meinen eigentlichen Standort, meinen Lebensraum. Unsere Computergesellschaft vernetzt sich. Sie macht den Blick zu neuen Horizonten frei und verliert dabei den Kontakt zum leibhaftigen, unmittelbaren Nächsten.

Das Erntedankfest lädt ein, die kleinen und die großen Begegnungen und Dinge dankbar in den Horizont Gottes zu stellen. Er hat die Differenz zwischen der Lebensnähe und dem unerreichbaren Horizont durch seinen Sohn Jesus überwunden und in seiner liebevollen Zuneigung uns die Möglichkeit zur tiefen Dankbarkeit geschenkt. Sie dürfen wir in der Eucharistie empfangen und daraus leben. Schauen Sie genau hin; in Ihrem Leben gibt es so vieles, was zum Danken einlädt. Tun wir es bewusst im Kleinen und im Großen und versuchen wir, die Balance zwischen fernen Horizonten und der Tiefe der eigenen Seele zu finden. In Dankbarkeit grüße ich Sie und Ihre Familie herzlich.

Ihr Pfarrer  
   
        




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