Erinnerungen an das II. Vatikanische Konzil

Dr.Neider
In diesem Jahr ist es 50 Jahre her, dass das Zweite Vatikanische Konzil einberufen wurde. In der Geschichte der Kirche gab es kein Konzil, das so weitreichende Reformen beschlossen hat, wie das Zweite Vaticanum. Deshalb kann man es auch als eine Sternstunde in der Geschichte der Kirche bezeichnen. Denn mit diesem Ereignis wurden der Kirche neue Wege eröffnet, wie sie das Evangelium unter den veränderten Bedingungen der modernen Welt glaubwürdig verkünden kann. Konzilien, also Versammlungen insbesondere aller Bischöfe, sind seltene Ereignisse im Leben der Kirche. So hat das vorhergehende Konzil in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts stattgefunden. Öffnet die Fenster, lasst euch auf die `Zeichen der Zeit ein, hört den Menschen zu und greift ihre Fragen auf!  Mit diesem Auftrag hat das II. Vatikanische Konzil frischen Wind durch die geöffneten Fenster der Kirche geblasen. Am 11.10.1962 wurde es von Papst Johannes dem XXIII. eröffnet. Vieles, was damals sensationell war, etwa der Volksaltar also die Feier der Hl. Messe durch den Priester den Gläubigen zugewandt und die Muttersprache im Gottesdienst, was erst durch das Konzil legitimiert wurde, ist heute selbstverständlich. Dabei sind die Aussagen des Konzils aktueller denn je. Die Einführung von Pfarrgemeinderäten wurde z.B. erst durch das II.  Vaticanum ermöglicht.  Das 50-jährige Jubiläum der Konzilseröffnung ist ein guter Anlass, sich diese Grundlagen zu vergegenwärtigen und immer wieder zu beherzigen. Auch in der heutigen Zeit gilt es, die Fenster zu öffnen und den innerkirchlichen Mief herauszulassen, um mit Zuversicht bestehende Verkrustungen aufzubrechen.

Obwohl das Konzil schon 50 Jahre alt ist, sind seine Beschlüsse hoch aktuell. Leider gibt es Kräfte in der Kirche, wie z.B. die Piusbrüderschaft, die die Beschlüsse des Konzils als nicht gültig ansehen und deren Umsetzung verhindern möchten. Es ist bedauerlich, dass Papst Benedikt XVI. diesen Bestrebungen nicht mit der notwendigen Härte entgegen tritt. Daran zeigt sich, dass das Konzil kein Selbstläufer ist, und dass um seine Ergebnisse und deren Verwirklichung gerungen werden muss.

Die Ergebnisse des Konzils sind in 11 umfangreichen Konzilsdokumenten niedergelegt, die 1965 verabschiedet wurden. Darunter finden sich so bedeutende Papiere wie „Die pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute“ oder auch das Dekret über „Die Missionstätigkeit der Kirche“ und die „Konstitution über die Liturgie“. Vieles, was für uns in der Kirche heute selbstverständlich ist, ist erst durch das Konzil ermöglicht worden. So wurde bei uns z.B. die deutsche Sprache in der Messe eigentlich erst durch das Konzil legitimiert, wenn sie in den meisten Gemeinden in Deutschland auch schon vorher gebraucht wurde. In anderen Ländern war das nicht so. In meiner Jugend wurde die Messe meist nur in lateinischer Sprache gelesen und nur die Lesungen erst in Latein und dann auch in Deutsch gehalten. Es ist ein Verdienst der katholischen Jugendverbände, die deutsche Sprache bereits in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in die Liturgie eingeführt zu haben.

Darüber hinaus kann man es als Pastoralkonzil bezeichnen.

Hintergrund: Das Zweite Vatikanische Konzil war ein neuartiges Konzil. Eine solch große und international besetzte Kirchenversammlung hatte es in der Geschichte der Kirche bis dato nicht gegeben. Papst Johannes XXIII., der maßgeblich für das Konzil gewesen ist, hat sich einen Sprung nach vorne erwartet im Verständnis der Lehre der Kirche und ihrer aktuellen Auslegung angesichts der drängenden Fragen der Menschheit in der modernen Welt. Der Papst selbst war davon überzeugt, dass die Menschheit an der Schwelle zu einer neuen Geschichtsepoche stehe, in der die Kirche als eine Orientierung gebende Kraft vorangehen müsse. Dabei sei ihre Aufgabe, die Zeichen der Zeit wahrzunehmen, und sich der Menschheit und ihren Fragen auszusetzen, um sich selbst und das Evangelium besser verstehen zu lernen. Der Historiker und Zeitzeuge Guiseppe Alberigo sagt hierzu Folgendes: „Das Konzil hat weder die Absicht verfolgt, eine neue Summe der Lehrinhalte zu produzieren (denn nach Johannes XXIII. „bedarf es dafür keines Konzils“), noch zu allen Problemen Stellung zu nehmen. Gekennzeichnet haben das II. Vatikanum der Elan der Erneuerung, der Wille, eine Suchbewegung auszulösen, die Bereitschaft, sich den Herausforderungen der Geschichte zu stellen, die geschwisterliche aufmerksame Zuwendung zu allen Menschen. Der Vorrang kommt deswegen dem Faktum „Konzil“ zu, insofern es ein Ereignis war, das mehr als zweitausend Bischöfe zu einer Beschlussfassenden Versammlung zusammenführte. Dies gilt auch hinsichtlich seiner Beschlusstexte, die nicht als abstrakte und kalte Normen verstanden werden dürfen, sondern als Ausdruck und Fortsetzung des Ereignisses selbst.

Das 50-jährige Konzilsjubiläum 2012 erlaubt es, sich dieses Ereignisses zu erinnern und seine Bedeutung zu vergegenwärtigen. Das Konzil ist nicht abgeschlossen. Wir stehen am Beginn seiner Realisierung. Das Volk Gottes ist aufgerufen, den Weg des Konzils zu gehen.

Man kann dieses Konzil nicht als historisches Ereignis abtun. Vielmehr hat es heute noch Bedeutung für jede Katholikin und jeden Katholiken in allen Fragen, die Kirche und Glauben, aber auch Gesellschaft und Politik betreffen.

Bedeutsame Aussagen des Konzils:

Die Kirche, so das Konzil, ist das Volk Gottes, zu dem Kleriker und Laien gleichermaßen gehören. Die Kirche sieht sich im Dienst der Menschheit stehen.

Die Lehre der Kirche und das Leben der Menschen sind miteinander verwoben und können nicht getrennt voneinander betrachtet werden.

Von nun an sind die Würde und Rechte des Menschen unverzichtbarer Bestandteil

Dr. Rudolf Neider

 

 

 

Wo ich die Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils erlebte

 

MaMü
Willy Brandt war zu der Zeit Regierender Bürgermeister von Berlin, Franz Amrehn (CDU) Bürgermeister, sein Vertreter. Als Angestellte der Senatskanzlei im Rathaus Schöneberg war ich im Büro von Bürgermeister Amrehn tätig. Wir waren ein gutes Team von ca. 15 Beschäftigten u.a. gehörte Frau Liselotte Berger als Persönliche Referentin dazu. Wir erlebten damals gemeinsam eine politisch spannende Zeit.

Die Eröffnungsfeier zum II. Vatikanischen Konzil fiel in unsere Dienstzeit. Der katholische Bürgermeister Amrehn ließ für diesen Tag in seinem Dienstzimmer ein Fernsehgerät aufstellen und lud uns alle ein, mit ihm dieses besondere Ereignis gemeinsam zu erleben. Nicht alle Mitarbeiter waren katholisch aber alle haben in Andacht und Begeisterung der Eröffnungsfeier beigewohnt.

Frau Amrehn versorgte zwischendurch die Anwesenden mit selbstgebackenem schlesischen Streuselkuchen.

Auch das war gelebte Ökumene.

MaMü

 

 




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