Und es fehlte die Puppe …

R. Worzalla
Ruth Worzalla liest als Zeitzeugin aus ihrem Buch „...es fehlte die Puppe“

Geboren in Berlin, wurde R. Worzalla am 1.9.39, dem Tag, als der 2. Weltkrieg ausbrach, eingeschult. Infolge der Kriegsgeschehen besuchte sie vierzehn verschiedene Schulen. Evakuierung nach Schlesien und von dort Flucht nach Bayern lagen hinter ihr, als sie 1948 mit ihrer Mutter und den Geschwistern nach Ostberlin zurückkehrte. Sie weigerte sich, in die FDJ einzutreten und durfte darum ihren Traumberuf Lehrerin nicht ergreifen. Es gelang ihr, nach Westberlin überzusiedeln. Ihre Liebe zur Jugendarbeit konnte sie als Landesmeisterin der Pfadfinderinnen St. Georg Berlin und nach dem Studium der Sozialpädagogik beruflich verwirklichen.
Seit 1961 leben Ruth Worzalla und ihr Ehemann im Raum Freiburg.

 

Am Mittwoch in der Karwoche, 4.4. um 18.00 Uhr,

liest Ruth Worzalla in St. Dominicus.

Leseprobe:

Ich schreibe heute

über gestern

für morgen.

 

Nach Schulschluss hüpfte ich, einen Fuß auf der Bordsteinkante, den anderen unten auf dem Damm, nach Hause: „Klotz, Klotz, Klotz am Been, Klavier vorm Bauch, wie lang ist die Chaussee, rechts ´ne Pappel, links ´ne Pappel, mittenmang een Pferdeappel, Klotz, Klotz, Klotz am Been, Klavier vorm Bauch...“ Gut gelaunt genoss ich meinen heutigen Erfolg in der Schule. Mir fiel ein, dienstags arbeitet Mutti im Café Kranzler. Der Reiseintopf steht warm gehalten im Bett. Nach dem Essen muss ich mit Inge die vielen Teller, Tassen und Töpfe abwaschen. Und dann - endlich kann ich auf unserem Hof spielen.

Doch Ruth, was ist mit meiner Freundin? Ich gehe am besten gleich zu ihr.

Schreie rissen mich aus meinen Gedanken. Ich war in der Nähe unseres Wohnhauses Berlin-Mitte, Neue Jakobstraße 15, angekommen. Ein Lastwagen stand vor dem Eckhaus. Ich sah viele Menschen, eine Menschenversammlung; das war doch verboten, unmöglich, konnte nicht sein. Wieder Schreie, ich rannte los. Schwitzend, atemlos kam ich an unser Wohnhaus und sah, was geschah. Der Lastwagen war vollgestopft mit Menschen. Die meisten kannte ich nicht. Viele weinten, einige hielten sich umklammert, andere standen stumm und reglos da. Jetzt sah ich auch Ruths Vater mit dem Judenstern auf der Brust. Daneben stand Ruths Mutter, sie hatte den kleinen Adam auf dem Arm, der sie ängstlich umarmte. Adam war drei Jahre alt. Ruth, wo war Ruth? Dann sah ich sie.

Männer in braunen Hemden und großen, blanken Stiefeln trieben sie vor sich her, schrien sie an: „Mach’! Mach’ schon, steig ein!“ Ruth zögerte, doch die blankgeputzten Stiefel traten, trafen, trieben sie. Einer der Männer hob sie hoch und hinein in den Lastwagen. Ruth wehrte sich nicht. Wir standen einander gegenüber, meine Freundin Ruth eingesperrt im Laster, ich auf der Straße, alleingelassen zwischen Menschen. Nur wenige Schritte trennten uns, Schritte, die ich nicht gehen durfte. Konnte Ruth mich sehen, erkennen? Ihre dunklen, sanften Augen, die manchmal so lustig blinzelten, so dass die bernsteinfarbenen Pünktchen darin tanzten, begegneten den weinenden Meinen ein letztes, ein allerletztes Mal...

Dann setzte sich der Lastwagen in Bewegung. „Ruth!“ schrie ich noch immer, „Ruth! Ruth! Ruth!“ Doch meine verzweifelten Schreie konnten Ruth längst nicht mehr erreichen. Die Braunen hatten uns auseinandergerissen.

Der Laster war holpernd auf dem Kopfsteinpflaster unserer Straße weggefahren. Wie leblose Puppen schaukelten die Menschen darin halt- und schutzlos hin und her. Er fuhr weiter durch die Straßen Berlins, weiter, immer weiter - wohin? Ich wusste es nicht.

„Ruth!“ schluchzte ich, „Ruth! Deine Puppe, Du hast ja Deine Puppe vergessen.“

 




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