Liturgische Kolumne

Die Nacht - Zeit-Zeichen

Die Nacht hat für uns zivilisierte Menschen ihre Schrecken verloren, weil wir genug elektrisches Licht haben, ein warmes Bett, ein sicheres Türschloss. Eigentlich ist sie jedoch die Zeitspanne ohne Licht und Wärme, in der die Angst und Unsicherheit den Menschen befällt, die Einsamkeit deutlicher wird. Ich weiß nicht, ob man einen alten Schlafsack braucht und in die Wüste ziehen muss, um diese Nacht an sich selbst zu erleben. Nacht erleben Menschen in ihren Seelen – auch heute noch.

Vielleicht spüren wir im Advent die Nacht – die Gottferne und Gottsehnsucht – besonders, auch wenn die Sehnsucht nach dem schönen Christbaum, dem ersten Stück Lebkuchen, den Weihnachtsgeschenken und der Ruhe nach dem „Adventsstress“ oft größer erscheint. Die Nacht ist die Zeit, in der wir auf den Tag warten. Der Tag wird in der Mitte der Nacht geboren. Und in der längsten Nacht des Jahres, wird das neue Licht geboren. So haben die römischen Christen genau auf den Tag, der dem unbesiegbaren Sonnengott gewidmet war, das Weihnachtsfest gelegt, in der die Sonne der Gerechtigkeit (Mal 3,20/ GL 644), das Licht der Welt (Joh 8,12) geboren wird. Darum warten wir, die wir adventliche Menschen sein wollen, in der Nacht auf den Morgen, die Geburt des Herrn, darum gehen wir in die Ungemütlichkeit hinaus, die Kälte (oder Nässe) und Dunkelheit, darum tun wir uns das an, nicht zu schlafen, darum unterbrechen wir den gemütlichen Vorabend zum Hochfest der Geburt des Herrn. Wir erinnern uns daran, dass genau in diese Nacht des Menschen Jesus kommt. Manchmal brauchen wir Zeit-Zeichen, die uns erinnern. Ganz sicher ist die Christnacht so ein Zeit-Zeichen.

Ja, meine Seele wartet auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen. (Ps 130)

                        cb

 

 




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