Liebe Gemeinde,

ich stehe im Bodemuseum und warte auf meinen Audioguide. Noch ist meine Nummer nicht dran. Zu viele Menschen sind in der Ausstellung. 15 Minuten soll ich mich noch gedulden, sagt das Besuchersystem. Dann ist es soweit. Zügig gehe ich in den ersten Ausstellungsraum. Alles schwarze Wände, getaucht in gedämpftes Licht. Treffsicher sind die Bildnisse beleuchtet. Eine eigentümliche Atmosphäre des Staunens, der Bewunderung und des individuellen Kontaktes mit den Gesichtern der Renaissance und derer, die gegenwärtig diese Bildnisse betrachten. Manche schauen mich an, andere sehe ich nur im Profil, wieder andere blicken nach unten oder nach oben. Jedes Gesicht ist ein Kunstwerk und erzählt eine Geschichte: die Bildnisse aus den Gemälden heraus und die lebenden Gesichter vor den Bildnissen. Es ist so lebendig mir gegenüber, dass ich aus dem Staunen nicht herauskomme. Jedes Gesicht ein Mensch, ein Leben, eine Geschichte, eine Ewigkeit. Bei manchem Porträt habe ich den Eindruck, der Mensch ist wirklich noch da. Ich halte inne „Was heißt noch da?“ Die Zeiten vermischen sich, die Vergangenheit wird Gegenwart und die Gegenwart Zukunft und alles geschieht im Jetzt. Sie, die Toten, die Gezeichneten, die Menschen, deren Gesichter an der Wand hängen, beginnen zu erzählen. Sie sind da., ihre Geschichte lebendig. Die Ewigkeit wird für mich spürbar. Den Kontakt über die Zeit und den Raum der irdischen Wirklichkeit hinweg, erlebe ich, wenn ich mich dem Geheimnis des Lebens öffne. Die Kunst, und das macht sie wirklich aus, vermag dieses Wunder der Korrespondenz ins Jenseits. Das menschliche Leben reicht in die Ewigkeit. Ewigkeit bedeutet für mich, das bei Gott sein des Menschen. Wir sind zur Heiligkeit berufen. Im November feiern wir im Allerheiligenfest das Gelingen dieser Lebensperspektive. Im Allerseelenfest, am 2. November, gedenken wir auch der oftmals nicht genutzten Chance mit der Ewigkeit zu sein und die Möglichkeit meiner Seele als Brücke in die Liebe Gottes schon im Jetzt wahrzunehmen. Dennoch holt uns der barmherzige Vater zu seinem Gastmahl des Lebens. Der Auferstandene nimmt uns bei der Hand und zeigt uns unsere Ewigkeit und das Ziel unseres Lebens.

Ich wünsche uns allen eine lebendige Verbindung zu unseren Toten, die in Gott leben, damit wir selbst unsere Hoffnung stärken, die uns ins Licht der Liebe Gottes führt. Das Gesicht der Ewigkeit ist in unsere Seele geschrieben und führt uns in diesen Kontakt mit unserer eigenen Zukunft. Sie wird unser Gesicht, zur Geschichte unseres Lebens und zur Landkarte in die Ewigkeit.

Herzlich Ihr Pfarrer

 

 

 

 

 

 

Bertram Tippelt

 

 




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