Nachruf zu Papst Johannes Paul II.

PapstPaulII

Papst Johannes Paul II. hat nach seinem Besuch in Berlin 1996 erklärt: Nun habe er erlebt, daß der Krieg wirklich zu Ende ist.  Berlin ist nicht mehr das Berlin seiner Jugendjahre. Bei seinem Besuch hat er sich gewissermaßen persönlich davon überzeugt, dass der Krieg – auch der Kalte Krieg zwischen Ost und West – zu Ende ist, genau an der Stelle, an der die beiden Systeme am offensichtlichsten aufeinander prallten. Ich erinnere mich gerne und bin dankbar, dass ich ihn bei seinem Gang durchs Brandenburger Tor begleiten durfte. Unumstritten ist, was Papst Johannes Paul für die Überwindung der Ost-West-Konfrontation getan hat, angefangen bei seiner Unterstützung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc – am wirksamsten bei seinen Reisen durch Polen – bis hin zu Gorbatschows Besuch im Vatikan. Aber er blieb auch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ein unermüdlicher Mahner. Die Überwindung der Ost-West-Konfrontation war nur der Anfang einer Neuordnung der Machtverhältnisse: Er hat nicht nachgelassen zu warnen, doch ja nicht das Heil in einer Verabsolutierung des freien Marktes zu suchen.  Er hat immer und immer wieder an die soziale Verpflichtung erinnert, die aus Kapital und Reichtum folgt. Seine kompromißlose Haltung vor allem in Fragen der Morallehre hat viele Gegner auf den Plan gerufen, die sich auch bei seinem Berlinbesuch lautstark zu Wort gemeldet haben. Wenn es um den Schutz des ungeborenen Lebens ging, blieb er klar entschieden in seiner Ablehnung von Abtreibung. Auch in Fragen der Empfängnisverhütung war er unerschütterlich. In einer Zeit, in der vieles beliebig geworden ist, blieb er seinen Überzeugungen treu, auch wenn viele – vor allem in der westlichen Welt – sie als nicht mehr zeitgemäß abtaten. Provokateur für die einen, war er doch so für viele zu einem Orientierungspunkt geworden. Seine konsequente Haltung gab er auch nicht auf in seiner Forderung an uns deutsche Bischöfe, aus dem staatlichen System der Schwangerschaftsberatung auszusteigen. Eine Verdunkelung des Zeugnisses durch das Ausstellen einer Bescheinigung, die eine Abtreibung straffrei werden läßt, kam für ihn nicht in Frage. Als Bischof aus Deutschland habe ich ihn stets als offenen und nüchternen Gesprächspartner erlebt. Dass Papst Johannes Paul II. die Deutschen nicht mochte, wie gelegentlich zu lesen war, konnte ich nie empfinden, umgekehrt stimmt es wohl eher: er hatte in Deutschland sicher nicht die meisten Bewunderer. In den letzten Jahren sind Nachrufe für Papst Johannes Paul II. vorbereitet worden, weil wiederholt Gerüchte über einen zu erwartenden Rücktritt des zuletzt schwer Kranken gestreut worden waren. Doch hat er alle Prognosen über den Verlauf seiner Krankheit und seine Schwäche mit all ihren Folgen widerlegt, z. B. mit seiner Einladung zu einem Friedensgebet nach Assisi, das ein großartiges Zeichen für die friedensstiftende Kraft der Religionen geworden ist. Ich danke Gott, dass er Johannes Paul II. ein so langes Leben geschenkt hat, das dieser ganz in den Dienst an seiner Kirche gestellt hat. Vor Jahren schon hat er alles vorbereitet für seine Nachfolge: die Regularien für das Konklave neu geregelt und das Kardinalskollegium gehörig erweitert. Dem Unsterblichkeits- oder Unentbehrlichkeitswahn war er nicht erlegen. Bei seinem Amtsantritt war ihm bedeutet worden, er habe die Kirche ins dritte Jahrtausend zu führen. Diese Aufgabe hat er beherzt angenommen und in Beharrlichkeit und Klugheit erfüllt. Er ist Schritte gegangen, die von einem Papst nicht erwartet worden waren: er hat als Oberhaupt der katholischen Kirche um Vergebung gebeten für Sünden, die Katholiken begangen haben, so dass das Heilige Jahr schließlich nicht zu einem triumphalistischen,  sondern zu einem sehr geistlichen Ereignis wurde, immer im Blick auf die Zukunft der Kirche. Diese Sorge hat ihn bis zuletzt umgetrieben. Sein großes Ziel, die Verständigung und Vers öhnung aller christlichen Kirchen, hat er nicht erreicht, doch ist er mit großer Mühe wichtige Schritte gegangen: Er ging mit einer Bitte um Entschuldigung in den Dialog mit der griechisch-orthodoxen Kirche und hat auch das Werben um den Dialog mit der russisch-orthodoxen Kirche nie aufgegeben. Ich habe den Papst bewundert,  auch wegen seines enormen Arbeitspensums an langen Tagen, die schon früh und immer mit dem Gebet begannen. „Ruhen kann ich im Himmel“ soll er gelegentlich gesagt haben. Gott möge ihn in Gnaden aufnehmen in die Herrlichkeit seines Reiches und ihm das ewige Leben und die ewige Ruhe schenken. Ich habe Papst Johannes Paul II. vor allem als einen Mann des Gebets kennengelernt; seine tiefe Frömmigkeit und Spiritualität waren unmittelbar spürbar. Er hat ungezählte Predigten und Ansprachen gehalten, doch werden am stärksten die Bilder vom betenden Papst in Erinnerung bleiben, bei den Gottesdiensten, auf seiner Kniebank, an der Klagemauer in Jerusalem oder auch am Grab des Seligen Bernhard Lichtenberg in Berlin. Ich bitte Sie heute um Ihr Gebet, wenn ich nach Rom reise, wo wir Kardinäle den Nachfolger von Johannes Paul II. wählen werden. Wir wissen uns vom Heiligen Geist geleitet und bitten um Ihr Gebet um eben diesen Beistand in unserer Entscheidung.  

+ Georg Kardinal Sterzinsky Berlin, am 3. April 2005




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